30 Apr
30Apr

Kyūdō [kjɯːdoː] (japanisch 弓道 „Weg des Bogens“) ist die Kunst des japanischen Bogenschießens, die seit dem 16. Für den Außenstehenden besonders auffällig sind der langsame Bewegungsablauf, die traditionell beeindruckende Kleidung bei Zeremonien sowie die erkennbare Handwerkskunst des Bambusbogens und der Bambuspfeile.

Geschichte

Kyūdō entwickelte sich aus den Kriegskünsten des japanischen Adels. Lange Zeit war die Kunst des Bogenschießens unter dem Namen Kyūjutsu (弓術 „Bogenkunst“) bekannt, bis daraus - wie aus vielen Künsten - ein „-dō“ wurde (vgl. Budō, Bushidō, Jūdō, Kendō, Iaidō, Aikidō, Karate-dō usw.).

Vom 4. bis zum 9. Jahrhundert hatten die engen Kontakte zwischen China und Japan großen Einfluss auf das japanische Bogenschießen, insbesondere der konfuzianische Glaube, dass das Bogenschießen den wahren Charakter eines Menschen offenbart. Über Jahrhunderte hinweg wurde das Bogenschießen vom Shintoismus und Zen-Buddhismus sowie von den praktischen Anforderungen des kriegerischen Bogenschießens beeinflusst. Der höfische Adel konzentrierte sich auf das zeremonielle Bogenschießen, während die Kriegerkaste das kyujutsu bevorzugte: die Technik der Kampfkunst mit dem Bogen in der tatsächlichen Kriegsführung.

Im 16. Jahrhundert und während der Zeit des Namban-Handels verdrängte die Einführung der Feuerwaffen auch in Japan allmählich den Bogen als Kriegswaffe. Er behielt jedoch seine Bedeutung als Jagd- und Sportwaffe und in der Gegenwart vor allem als Mittel zur Selbstvervollkommnung.

Honda Toshizane (1836-1917), Kyudo-Lehrer an der Kaiserlichen Universität Tokio, koordinierte Elemente des kriegerischen und des höfischen Stils zu einem Hybridstil, der schließlich als Honda Ryu (Honda-Schule) bekannt wurde. Dieser Stil wurde in der Öffentlichkeit anerkannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die vielen verschiedenen Schulen vereinheitlicht. Es entstanden zwei vorherrschende Stile:

    * Shomen-Stil, dessen Schwerpunkt auf Eleganz liegt;
    * Shamen-Stil, bei dem die Schießtechnik im Vordergrund steht.

Die technischen Unterschiede lassen sich durch die frühere Verwendung erklären, d.h. ob zu Kriegszwecken zu Fuß (Bushakei), zu Pferd (Yabusame) oder zu zeremoniellen Zwecken (Reishakei) geschossen wurde.

Kyūdō wird oft mit Zen-Bogenschießen gleichgesetzt, was nicht ganz korrekt ist: Kyūdō ist Bogenschießen und damit keine reine Meditationsübung, auch wenn in manchen Kyūdō-Stilen dem meditativen Aspekt große Bedeutung beigemessen wird.

Besonderheiten
Neben der besonderen Übungsmethodik unterscheidet sich der Bogen auffällig von westlichen Sportbögen. Der Yumi ist asymmetrisch geformt, der obere Wurfarm ist deutlich länger als der untere.

Die Annahme, dass der untere Wurfarm verkürzt wurde, um das Schießen vom Pferd aus zu erleichtern, ist falsch. Die asymmetrische Form existierte bereits vor der Einführung des Pferdes in Japan. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die asymmetrische Form in der ursprünglichen knienden Schießtechnik begründet ist.

- Das untere Ende musste daher kürzer sein. Es ist deutlich zu erkennen, dass der untere Wurfarm bei der heute üblichen stehenden Technik deutlich oberhalb des Knies endet.

- wobei hier die durchschnittliche Körpergröße der damaligen Bogenschützen zu berücksichtigen ist. (Es ist daher zweifelhaft, ob die asymmetrische Bauweise rein handwerklich zu begründen ist, z.B. dass bei der Herstellung eines Bogens aus einem dünneren Stamm das unregelmäßig dickere Holz unterhalb der Mitte gegriffen werden musste, um das Gleichgewicht des Bogens - unten schwerer, oben leichter - zu erhalten). Später wurde diese Form beibehalten, obwohl sich die aus China übernommene Kompositbauweise durchsetzte. Ein Grund für die auffällige Länge dürfte auch in der Belastbarkeit des verwendeten Materials (Bambus) liegen. Bei der asymmetrischen Bauweise ermöglicht der lange obere Schenkel einen großen Auszug, während der kürzere untere Schenkel eine höhere Pfeilgeschwindigkeit bewirkt.

Der Bogen hat weder eine Visiereinrichtung noch eine Pfeilauflage. Der Pfeil wird an der Außenseite der Zughand auf den Daumen der Haltehand gelegt. Die Sehne wird mit Hilfe eines Schießhandschuhs mit einer Aussparung am Daumen gezogen. Neben dem eigentlichen Schießen werden eine Reihe von zeremoniellen Bewegungsformen in der traditionellen Kleidung Hakama und Keiko-Gi, bei fortgeschrittenen Schützen auch im Kimono, geübt. Ein wichtiger Teil des Trainings ist das Üben der Technik und der Bewegungsabläufe vor dem Makiwara. Dabei wird aus einer Entfernung von nur 2-3 Metern auf ein Reisstrohbündel geschossen.

Schusstechnik

Der Pfeil wird mit einer Bogenstärke zwischen 7 und 26 kg (selten mehr) waagerecht auf das 28 m entfernte Ziel, das Mato (Durchmesser 36 cm), geschossen. Diese Entfernung und die Anordnung der Scheibenmitte knapp 30 cm über dem Boden gehen auf die mittelalterliche Schlachtordnung zurück. Der Bogenschütze kniete und versuchte aus dieser Höhe, den durch die Rüstung weniger geschützten unteren Teil des Gegners zu treffen. Die Bewegungen sind in acht Abschnitte (Hassetsu) unterteilt.

Durch die asymmetrische Form des Bogens und die Auflage des Pfeils z.B. auf der rechten Seite würde der Pfeil beim Lösen nach rechts oben abgelenkt. Um dies auszugleichen, muss der Bogen beim Abschuss im Bruchteil einer Sekunde zum Ziel hin gedreht werden (Tsunomi no hataraki), bevor sich der Pfeil von der Sehne löst. In Koordination mit der Bewegung der linken Hand muss die rechte Hand nach innen gedreht werden (Hineri), damit der Handschuh die Sehne freigibt.

Die Art des Schießens variiert je nach Schule und Stilrichtung. Als größere Schulen haben sich in neuerer Zeit Heki-ryū, Ogasawara-ryū sowie Honda-ryū durchgesetzt. Während in Japan überwiegend Shomen (zentrales Bogenheben) geschossen wird, findet in Deutschland bzw. Europa vor allem der Shamen-Stil, bei dem der Bogen nach links ausgestellt gehoben wird, Anhänger. Die Hauptströmung ist hier Heki-ryū Insai-ha, die auf den großen Einfluss von Genshiro Inagaki zurückgeht, der 1969 im Auftrag der „Zen Nihon Kyūdō Renmei“ erstmals Deutschland besuchte. Bis zu seinem Tod 1995 war er Bundestrainer des Deutschen Kyūdō-Bundes. Die auf seiner Trainerarbeit basierenden Vereine in Deutschland sind über den Deutschen Kyūdō Bund und die Europäische Kyūdō-Föderation der Internationalen Kyūdō-Föderation (IKyuF) angeschlossen. Gleiches gilt für die deutschen Kyūdō-Vereine, die den Shomen-Stil pflegen.

Seit über dreißig Jahren ist die Heki-Ryu Bishu Chikurin-Ha im Westen vertreten. 1980 begann Kanjuro Shibata XX, Sendai (1921-2013) in Amerika und Europa zu unterrichten. Er gründete 25 Kyudojos. Im Jahr 2011 trat er als Oberhaupt der Schule zurück und übergab die Leitung an seinen Adoptivsohn Shibata Kanjuro XXI, Sensei. Shibata Kanjuro XX erhielt im Alter von zwanzig Jahren den höchsten Lehrergrad. 1959, nach dem Tod von Shibata Kanjuro XIX, wurde er offiziell zu dessen Nachfolger und zum kaiserlichen Bogenbaumeister ernannt. 1994 wurde seinem Adoptivsohn, Kanjuro Shibata XXI, offiziell der Titel „Kaiserlicher Bogenbaumeister“ verliehen und er übernahm die Bogenbauwerkstatt seines Vaters in Kyoto und ist nun auch das Oberhaupt der Chikurin-Ha. Die Vereine, die den Chikurin-Ha pflegen, sind nicht Mitglieder des Deutschen Kyūdō Bundes und kennen keine Dan-Prüfungen.


Philosophische Aspekte
Die Veröffentlichung des Philosophen Eugen Herrigel unter dem Titel Zen in der Kunst des Bogenschießens (1948) hat viel dazu beigetragen, Kyūdō als Zen-Kunst zu betrachten und mit einer religiösen Tätigkeit gleichzusetzen. Es gab jedoch auch Missverständnisse.

Im 17. und 18. Jahrhundert bekam die Kyūdō-Praxis eine philosophische Tendenz: Sprüche wie „ein Schuss - ein Leben“ oder „Schießen sollte wie fließendes Wasser sein“ wurden mit der Lehre des Kyūdō in Verbindung gebracht. Hier gingen die Meinungen der verschiedenen Schulen auseinander. Teilweise wurde der Treffer als zweitrangig betrachtet und behauptet, dass allein die richtige geistige Einstellung beim Schießen genüge.

Im Kyūdō soll in der vollen Ausholbewegung und im Schuss Munenmuso oder Mushin (übersetzt: „leerer Geist“) erreicht werden. Dieser entspricht jedoch nicht einer allgemeinen, ziellosen Gleichgültigkeit, sondern beschreibt vielmehr den Zustand einer so verdichteten Konzentration, dass für andere Gedanken kein Platz mehr ist.

Hideharu Onuma, 9. Dan/Hanshi, († 1990) unterscheidet drei Qualitäten der Begegnung:

    Toteki: Pfeil trifft das Ziel
    Kanteki: Pfeil durchdringt das Ziel
    Zaiteki: Pfeil existiert im Ziel.

Für die erste Qualität genügt eine gute Technik und Bewegungsform. Die zweite erfordert eine zielgerichtete Dynamik. Bei der dritten steht bereits vor dem Lösen fest, dass der Pfeil treffen wird. Diese Qualität kann nur erreicht werden, wenn Körper, Geist und Technik zu einer Einheit verschmelzen.

Der japanische Dachverband (ANKF) benennt folgende Werte als höchstes Gut des Kyūdō:

    真 Shin - Wahrheit: Es ist ein technisch korrektes Schießen, das von der richtigen Einstellung erfüllt ist.
    善 Zen - Güte: Dieser Wert umfasst positive Eigenschaften wie Höflichkeit, Mitgefühl, Moral und Friedfertigkeit. Er kann mit sozialer und moralischer Kompetenz gleichgesetzt werden. Zen äußert sich in einer angemessenen Haltung und einem angemessenen Verhalten in allen Lebenslagen, auch unter großem Stress oder in Konfliktsituationen.
    美 Bi - Schönheit: Sie findet sich in der besonderen Form und künstlerischen Gestaltung des japanischen Bogens sowie in der traditionellen Kleidung des Schützen. Bi ist erkennbar in der verfeinerten Etikette, die die Kyūdō-Zeremonie umgibt.

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